VORBEMERKUNG

Der nachfolgende Aufsatz war in einer geringfügig kürzeren Version vorgesehen, in den Band aufgenommen zu werden, den die katholisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen ihrem Kollegen Walter Kasper als Festgabe anläßlich seiner Bischofsweihe (17.Juni 1989) überreichte. Überreicht wurde zunächst - wegen der zu kurzen Produktionszeit - ein Blindband mit Inhaltsverzeichnis. Als die Produktion anstand, der Verfasser im Juli 1989 geheiratet und der neue Bischof die Entfernung des ehem. Kollegen aus der Fakultät betrieben hatte, empfanden die verbliebenen Professoren der katholisch-theologischen Fakultät den Beitrag "Was leistet das Wort Wahrheit?" als nicht mehr opportun und eliminierten ihn aus dem Sammelband.
H.S.

Was leistet das Wort "Wahrheit"?

Anmerkungen eines Linguisten

- Harald Schweizer -

Sich mit Wort und Begriff der "Wahrheit" zu beschäftigen, ist aus vielen Gründen heikel und nur zu rechtfertigen, wenn die Thematik klar eingegrenzt wird. Schließlich führt schon ein einfacher Lexikonartikel in ein Gestrüpp von spezifizierten Wahrheitsbegriffen, aus dem man sich so leicht kaum wieder befreien kann. Erkenntniswahrheit wird neben die Seinswahrheit gestellt (von den einen als ontologische, den anderen als ontische Wahrheit bezeichnet). Göttliche Wahrheit und sittliche Wahrheit, existentielle und logische Wahrheit begegnen. Jeder weiß zudem, daß es verschiedene Wahrheitstheorien gibt, abhängig von verschiedenen philosophischen Konzepten der Erkenntnistheorie. Noch unerwähnt ist, daß auch in dogmatischen Abhandlungen nicht selten Argumentationen nicht nur "im Namen der Wahrheit" geführt, sondern durch Rekurs auf "die Wahrheit" entschieden werden.

Ein linguistisch orientierter Exeget ist nun sicher nicht die Entscheidungsinstanz in all diesen Problemfeldern. Daher möchte ich bei "meinen Leisten bleiben". Der gemeinsame Nenner all der unterschiedlichen Konzeptionen ist ja, daß die Vertreter ihre Auffassungen im Medium der Sprache vortragen. Eine gewiß formale, äußerliche und banale Einsicht. Aber diese Banalität - so denke ich - ist auch einiges an Reflexion wert. Denn nicht erst die "Sachproblematik" beim Thema Wahrheit ist ein Problem; vielmehr ist das Vehikel, mit dem ich mich der Sachproblematik zu nähern versuche, die Sprache also, zunächst das große Problem. Mir scheint sogar, daß nur relativ selten darüber reflektiert wird, was denn die Sprache leistet, leisten kann bzw. nicht leisten kann. Oft genug wird stattdessen zum "Sachthema" geredet und argumentiert, als ob die Sprache kein Problem sei. Meine Behauptung demgegenüber ist, daß man sich manche Ziele der Argumentation, manches darauf aufbauende Handeln, konfliktreiches Ausgrenzen, sparen könnte, wenn man sich über das Funktionieren der Sprache etwas mehr Gedanken machen würde. - Dem Aspekt allein aus dem großen Gesamtproblem sollen die folgenden Reflexionen dienen.

Daß im Streit um die "Wahrheit" schon zahllose verbale und kriegerische Kämpfe geführt wurden, weiß jeder. Insofern wird die "Wahrheit" schnell zu einem heißen Eisen. Das mag aus der jüngsten kirchlichen Vergangenheit der Disput zwischen dem deutschen Moraltheologen Bernhard Häring und dem römischen Theologen Caffara bezeugen. Als Häring dem Römer vorwarf, ihm fehle es an der Demut vor den Menschen, antwortete dieser, daß er vielleicht nicht die Demut vor den Menschen habe, dafür aber im Besitz der Wahrheit sei. "Wahrheit" also als Kampfbegriff, den man in Opposition zur "Demut vor den Menschen" setzen kann?

1. Vorklärungen

1.1 Wenn wir unseren alltäglichen Sprachgebrauch kritisch beleuchten, so drängt sich schnell der Eindruck auf, daß Oppositionen wie "Ich und Umwelt" oder "Kirche und Welt" illusionäre Abgrenzungen darstellen. Zweifellos kann man sich mit solchen Begriffspaaren verständlich machen und meist werden sie nicht weiter befragt. In kritischer Beleuchtung aber zeigt sich sehr schnell die Unmöglichkeit, das Ich nicht nur begrifflich sondern auch "sachlich" von seiner Umwelt abzugrenzen oder die Kirche als distinkt von der "Welt" zu sehen. Entweder der jeweilige sprachliche Ausdruck ist falsch oder - was natürlich ebenfalls häufig der Fall ist - die sprachlichen Ausdrücke meinen etwas anderes als sie im wörtlichen Sinn aussagen. Würde man auf dem Wortsinn etwa von "Kirche und Welt" beharren, würde man sich geradezu einer gnostischen Häresie schuldig machen.

Es kann also "sachlich" nur darum gehen, das jeweilige Person-Ich in der Welt zu sehen, in seiner Mitwelt. Das Ich ist natürlich Bestandteil der Gesamtwelt. Ebenso verhält es sich mit der Kirche: Sie ist Element dieses Kosmos, ist völlig in ihn hineinverwoben auch dann, wenn sie kritische Distanz "zur Welt" reklamiert.

1.2 Diese so verstandene Gesamtrealität ist derart vielschichtig, daß sie von mir nicht überblickt werden kann. Ich scheue mich zwar, derartige Banalitäten aufzuschreiben. Mir scheint aber, daß die Erinnerung an sie dann, wenn man darauf aufbauen will, nicht unnütz ist. Was kann also diese Ziff. 1.2 heißen? Darin steckt zunächst, daß keiner beanspruchen kann, sich selber vollständig zu kennen. Wer ist je schon in alle Winkel und Ecken seiner unbewußten Motive, Regungen, Verdrängungen hinuntergestiegen? Seit FREUD setzt sich die Erkenntnis durch, daß der auf seine Vernunft pochende Mensch nicht fraglos "Herr im eigenen Haus" ist. [1] - Erst recht weiß ich nur sehr wenig von den mir begegnenden Gesprächspartnern, auch wenn sie mir quantitativ sehr vieles erzählen. Allein schon die Realitäten einer Universität oder einer Diözese sind so vielschichtig, daß es allenfalls möglich ist, einige Strukturen und einige dazugehörige Personen grob zu kennen. Zur Mitwelt gehört auch das Wissen, das man etwa in den Millionen Bänden der Universitätsbibliothek gespeichert findet. Auch der fleißigste Kopfarbeiter muß angesichts dieser Vielschichtigkeit kapitulieren. Zur Mitwelt gehört, was die Fische im Neckar gerade treiben. Ich weiß es nicht. Zur Mitwelt gehören die Gifte in der Luft, die auf dem frischen Grün von Milliarden von Blättern unselig wirken. Zur Mitwelt gehört der Palästinenseraufstand im Westjordanland. Es sind ja nur dürre Zahlen, die uns täglich über erschossene Palästinenser erreichen. Das ganze damit verbundene Leid entgeht uns. Täglich sind Millionen von Menschen am Rande des Existenzminimums, am Verhungern. Dürre Ziffern. Sicher werden in verschiedenen Fabriken gegenwärtig atomare Kurzstreckenwaffen gebaut und getestet.

Jeder weiß selber, daß mit diesen Beispielen nur minimale Punkte einer Lebens- und Weltwirklichkeit herausgegriffen wurden, die von uns gar nie be-griffen, nicht auf den angemessenen Begriff gebracht werden kann. [2]

1.3 Aber nur das, was ich angemessen auf den Begriff bringen kann, steht mir auch zur Verfügung, kann von mir beherrscht werden. Jedoch ist diese geläufige Einsicht noch zu wenig. Denn sprachkritisch gesehen muß ich verschiedene Abstraktionsebenen beachten. [3]

1.3.1 Die erste Abstraktionsstufe meint die sogenannten "Konkreta", die Benennung individueller Dinge und Personen. Wir befinden uns hierbei - sprachlich - im Rahmen der unmittelbar vorstellbaren Welt. Dabei ist es kein Widersinn, auch die "Konkreta" schon zu einer "Abstraktionsstufe" zu zählen, denn die eine konkret klingende Benennung (z.B. "Auto, Baum, Haus, Frau, Bischof") ist durchaus schon eine Abstraktion. So ist etwa das eine Wort "Tisch" geeignet, 50 und mehr unterschiedliche Tischformen, individuelle Tische, zu bezeichnen. Aber insgesamt gilt doch, daß Substantive dieser Abstraktionsstufe uns am schnellsten auf eine anschauliche Realität verweisen.

1.3.2 Beim zweiten Abstraktionsgrad haben wir es auch mit Realitäten zu tun, die in Raum und Zeit vorkommen, die aber nicht identisch mit individuellen Dingen oder Personen sind. Am leichtesten vorstellbar sind Beispiele, wenn man an die Nominalisierung von Verben denkt. Es geht also um statische oder dynamische Bezeichnungen von Realitäten, die durchaus mit individuellen Dingen verbunden, die aber nicht identisch mit Dingen sind. So ist z.B. der "Straßenverkehr" sehr wohl eine Realität in unserem Alltag. Aber das, was mit dem Wort gemeint ist, ist nicht mit einer Ansammlung von Autos identisch. Stattdessen ist diese Realität zusätzlich geprägt durch die Struktur von Straßenzügen, technischen Installationen (Ampeln), durch Verhaltensweisen von Millionen von Autofahrern, durch umfangreiche gesetzliche Regelungen, durch eine noch umfangreichere Rechtssprechungspraxis; die Realität "Straßenverkehr" hat eminente Auswirkungen in die Sozialstruktur hinein (Gesundheitswesen, Arbeitsmarkt). Mit diesem Wort ist also eine äußerst komplexe dynamische Realität gemeint, in Raum und Zeit, durchaus steuerbar durch Politiker und Polizei, aber - im Unterschied zur ersten Abstraktionsstufe - viel weniger gut faßbar, weil nicht direkt rückgebunden an abgegrenzte Dinge oder Personen. - Ähnliches kann man in statischer Hinsicht zu einem Wort wie "Wohlbefinden" sagen: Es ist abhängig von vielen Faktoren (differenziertes Gleichgewicht - medizinisch gesehen - in meinem Körper; passende Kleidung; gute äußere klimatische Bedingungen; soziale Absicherung; partnerschaftliche Stimmigkeit usw.).

1.3.3 Der dritte und höchste Abstraktionsgrad ist dagegen Wörtern zugemessen, von denen auch nicht mehr gesagt werden kann, sie seien in Raum und Zeit fraglos eingebunden. Das "Sein" ist hier anzuführen. Auch die "Wahrheit", die "Liebe". Aus religiösem Sprachgebrauch ist hier "Gott" zu nennen. Zwar wird von Gott in vielen Texten personifiziert gesprochen. Damit wird der Anschein der Konkretion erweckt. Aber kritisch befragt - eine alte Theologenerkenntnis - gilt, daß "Gott" auf keinen Fall in unsere Welt der Dinge und Personen eingebunden werden kann, so als gebe es keine Differenz. - Häufig begegnen auf dieser Abstraktionsebene Nominalisierungen von Modal-Realitäten, also innere Einstellungen, Bewertungen, Haltungen, geistige Aktivitäten, substantiviert und sprachlich damit zu einer eigenen Entität gemacht (z.B. "Wille zur Macht"). Im Grunde sind es Paradoxa: Wir haben es mit Wörtern zu tun, die äußerlich, morphologisch, so funktionieren, wie etwa Wörter der ersten Abstraktionsstufe auch. Mit diesen Wörtern ist eine - meist als sehr wichtig angesehene - Bedeutung (= Begriff) verbunden. [4] Damit wird sprachlich der Anschein erweckt, als könne mit diesem "Begriff" auch die gemeinte Realität "umgriffen werden". Aber - wie wir sahen - jene gemeinte Realität ist gerade dadurch gekennzeichnet, daß sie nicht-abgegrenzt ist. Wir müssen jene Begriffe also als "absolute Begriffe" verstehen - eigentlich ein Widerspruch in sich selbst.

Strenggenommen kann ich mit Begriffen der dritten Abstraktionsstufe nicht sprachlich hantieren. Haben doch schon die Wörter der zweiten Ebene einen komplexen und äußerst schwierigen Realitätsbezug. Auf keinen Fall sind wir nun aber in der Lage, die Denkkategorien von Raum und Zeit zu verlassen; das jedoch wäre nötig, wenn wir die Begriffe der dritten Abstraktionsebene angemessen verwenden wollten. [5]

Wir selber leben nur - es geht nicht anders - äußerlich in der Welt der Konkreta und auch sprachlich ist die Verständigung am leichtesten auf der ersten Abstraktionsstufe, also dort, wo von vorstellbaren Dingen, von Menschen aus Fleisch und Blut die Rede ist. Dies ist ja in aller Regel der Vorzug der Poesie. Wenn sich dagegen theologische Traktate bevorzugt auf der zweiten oder dritten Abstraktionsebene sprachlich ansiedeln - was die Regel ist -, dann ist das ihr ebenso bekannter kommunikativer Nachteil: Die "Schwierigkeit", die ihnen gelegentlich anhaftet, rührt nicht nur von intellektuell anspruchsvoller Gedankenverknüpfung her; vielmehr führt die Dominanz von Abstraktionsebene zwei und drei schnell und berechtigt zur Frage, ob denn die vorgetragenen Gedanken noch "Bodenhaftung" (=Ebene eins) haben, realitätshaltig sind oder sich bereits zu einem raffinierten Glasperlenspiel verselbständigt haben.

Angesichts dieser komplexen, nicht auf den Begriff zu bringenden Wirklichkeit sind auf der Ebene der inneren Einstellung verschiedene Reaktionen vorstellbar. Der einzelne könnte resignieren. Aber das wäre vielleicht nur Ausdruck eines Allmachtswahns, weil er dem Wahn verfallen ist, er müsse eigentlich doch in der Lage sein, diese Realität ganz zu erfassen. Man kann die Komplexität der Realität natürlich auch verdrängen. Aber das dürfte auch kein überzeugender Lösungsweg sein, da weltfremde Naivität das Ergebnis ist, die auch in höchst intellektuellem Gewande möglich ist. Wird diese Komplexität dagegen belassen und "wahr"genommen, so scheint mir daraus fast zwangsläufig die Haltung der Demut zu resultieren, auch eine Lust zu Wissen und die Bereitschaft zu Veränderung.

2. Ort der Sprache

Nicht nur der Mensch, sondern viele weitere Lebewesen können sich über ihre jeweilige Wirklichkeit verständigen, Informationen austauschen. Was die Mitwelt bietet, kann so erkannt und durch Handeln beeinflußt werden. Ein entsprechender Tanz der Bienen teilt den anderen mit, wo es ertragreiche Blüten gibt. Delphine und Wale verfügen offenbar über eine Sprache im Medium der Akustik. Uns interessiert hier das wohl differenzierteste Sprachsystem, das des Menschen.

2.1 Gegenüber der Welt, in der er sich vorfindet und die ihre Eigendynamik hat, kann der Mensch eine "zweite Welt" aufbauen, auf geistiger Ebene, im Kopf. Die äußere Welt kümmert sich dabei um meine "Kopfwelt" nicht. [6] Der Jahreszeitenwechsel verläuft, ob ich dem zustimme oder nicht. [7]

2.2 Sprache ist nur denkbar als Gemeinschaftsprodukt. [8] Ganz sicher gibt es von einem jeden einzelnen sprachliche Marotten. Es gibt aber nicht die Sprache eines einzelnen. Von daher ist ein autistisches Gestammel nicht als Sprache zu definieren. Sprache, die nicht verstehbar ist, verdient nicht den Namen "Sprache". Sprache kann also als Instrument gesehen werden, das zwischen vielen Kopfwelten eine Verbindung und Verständigung herstellt. Dieses Instrument ist auch mehrschichtig, es hat physische und rein geistige Anteile. Die Physis ist zwar sehr wichtig (optisches Signal, Lautbild), weil sonst der Prozeß der Verständigung gar nicht in Gang käme. Der Hauptakzent liegt aber auf geistiger Ebene: bei der Konstruktion der Bedeutungen bzw. bei ihrer Rekonstruktion im Dekodierungsvorgang. [9]

Der kommunikationstheoretisch aufgewiesene Gemeinschaftsbezug hat sich - darin liegt nur eine weitere Verlängerung dieses Ansatzes - im sog. sprachlichen Relativitätsprinzip niedergeschlagen, in der bekannten Hypothese von B.L. WHORF: "Er war besonders durch das Studium des Hopi, der Sprache eines kleinen Stammes von Pueblo-Indianern in Arizona, und den Vergleich mit den Standardsprachen Europas zu der Einsicht gelangt, daß Sprachverschiedenheit auch Denk- und Geistesverschiedenheit bedeutet." [10]

Meine "Kopfwelt" bzw. - in französischer Manier gesprochen - meine "Enzyklopädie", also alles, was ich weiß, kommt durch meine Erfahrungen, durch mein lebenslanges Lernen zustande. Angesichts der umfassenden Wirklichkeit, in die ich mich hineingestellt sehe, kann die Antwort auch nur lauten, daß meine Kopfwelt immer nur Stückwerk ist. Ebenfalls eine alte Erkenntnis. Vielleicht ist Gott allwissend. [11] Wir sind es nie.

3. Das Verhältnis von Kopfwelt und äußerer Wirklichkeit

3.1 Im Rahmen des Zeichen- und Kommunikationsmodells müssen viele und differenzierte Bezüge angenommen werden. [12] Einer davon ist die sogenannte "Referenz". Damit ist die Bezogenheit eines Namens oder meiner sprachlichen Operationen auf ein Ding oder eine komplexere Realität der äußeren Wirklichkeit gemeint. [13] Dadurch, daß dieser Begriff im Rahmen einer Terminologie eingerichtet wird, ist nicht zugleich auch geklärt, wie denn dieser Bezug von der geistigen Ebene zur Dingwelt zu denken sei. Um dieses Problem soll es hier in Ziff.3 gehen.

3.2 Nicht in linguistischer sondern in philosophischer Sprache ist das Problem formuliert in der Definition: "WAHRHEIT im allgemeinsten Sinn besagt eine Gleichheit, Übereinstimmung zwischen Geist (geistiger Erkenntnis) u Sein (adäquatio intellectus et rei), im höchsten Sinn ein völliges Sich-durch-dringen von Geist u Sein". [14] - Aber auch nach dieser Definition ist noch offen, wie der Bezug zwischen Kopfwelt und äußerer Wirklichkeit zu beschreiben ist. Inwiefern ist "Wahrheit" bei dieser Definition mehr als ein attraktives Postulat? Wie kann der Bezug überprüft werden? Wo liegt - linguistisch betrachtet - die Schwachstelle dieser Definition?

Die Frage der Überprüfung eines solchen Wahrheitsverständnisses ist wieder nach den oben vorgestellten Abstraktionsebenen zu differenzieren. Im Bereich der Konkreta (erster Abstraktionsgrad) ist - in einem zugegeben etwas naiven Sinn - eine Überprüfung dadurch möglich, daß nicht sprachlich, sondern äußerlich gehandelt wird. Wer im Hörsaal erfährt: "Hinter dem Kupferbau ist ein U-Boot", kann sich aufmachen und hinter das Gebäude gehen, um die Behauptung zu überprüfen. [15] - Schon recht schwierig wird die Überprüfung bei Entitäten der zweiten Abstraktionsebene. Ein Satz wie: "Die schriftliche Prüfung ist jetzt" ist - entgegen dem ersten Anschein - nicht leicht überprüfbar. Ich sehe allenfalls, daß Menschen am Schreiben sind. Ich sehe diesen Menschen aber nicht an, daß sie aktuell sich in der Prüfungssituation befinden. Sie könnten ja auch Gedichte schreiben. Denn in einer schriftlichen Prüfung ist der Prüfer nicht präsent. Zeugnisse sind nicht zu sehen. Das Bewerten ist im Kern ohnehin ein nicht-sichtbarer, innerer Vorgang. Nur das Schreiben allein reicht nicht, um den Satz auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu bestätigen. - Vollends fehlt uns die Überprüfbarkeit bei der dritten Abstraktionsebene. Die Aussage: "Gott ist die Liebe" kann man glauben oder nicht. Jedenfalls läßt sie sich nicht überprüfen. Hier potenzieren sich die oben schon erwähnten Probleme der eingeschränkten Leistungsfähigkeit der Sprache. [16]

Ist also nach wie vor offen, wie bei der referentiellen Wahrheitsdefinition der Charakter dieser Referenz näher beschrieben oder gar überprüft werden soll, so liegt der Haupteinwand gegen dieses Verständnis darin, daß diese Wahrheitsdefinition den Anschein erweckt, als gebe es eine Wahrheitsdefinition ohne Rekurs auf die Sprachgemeinschaft, so, als genüge es, ein Sprachzeichen mit einer Sache zu verbinden [17] (ein immer noch nicht ausgerottetes Zeichenverständnis). [18] Wir sahen aber oben, daß Sprache ohne Gemeinschaft nicht ist. Folglich muß die Gemeinschaft der Sprachbenutzer auch ihren Platz im Rahmen einer Wahrheitsdefinition haben. [19]

3.3 Damit kommen wir zur Behauptung, daß eine referentielle Wahrheitsdefinition nicht mit Sprachreflexion vereinbar ist. [20] Anders gesagt: Man kann keine Brücke aus der Sprache heraus zur äußeren Wirklichkeit hin bauen. Meine Kopfwelt (das gilt auch für kollektives Verständnis) ist eine Sache, [21] die Gesamtwirklichkeit, in der ich stehe, eine andere. Beide sind qualitativ getrennt - so sehr meine Kopfwelt Element der Gesamtwirklichkeit ist. [22]

3.4 Selbstverständlich ist meine Kopfwelt - und darum bemühen wir uns ja ein Leben lang - bildbar in Analogie zur äußeren Wirklichkeit. Wenn ich selber an einer Treppenstufe fünfmal gestolpert bin, bin ich in der Lage, für andere ein Warnschild zu schreiben, sie sprachlich zu warnen. Ich habe für mich selber eine zutreffende Erkenntnis gewonnen und kann im Rahmen der Sprachgemeinschaft diese auch weitervermitteln. Ebenso kann ein anderer mir - sprachlich - zusätzlich den Tip geben, Schuhe mit weniger rutschender Sohle anzuziehen. Er hat mir - sprachlich - einen Teil seiner Erfahrungen zur Verfügung gestellt. Meine Kopfwelt ist also bildbar aufgrund eigener und fremder Erfahrung. Dabei spielt die sprachliche Vermittlung die entscheidende Rolle. Es tut sich hier kein Weg auf, der aus der Sprache herausführen würde. Der Anstoß zum Lernen mag von außen kommen. Das Lernen selbst vollzieht sich dadurch, daß ich meine Wahrnehmung mit den bisherigen - codifizierten(!) - Wahrnehmungen vergleiche, also mit einem "System von Erwartungen". [23] Nehme ich auf dieser kulturell-geistigen Ebene Differenzen wahr, habe ich etwas hinzugelernt; bleiben Differenzen aus, interpretiere ich sie als Verstärkungen, Bestätigungen. [24]

3.5 Sprachlich sehen richtige und falsche Aussagen gleich aus. Ich kann sagen: "Im Mikrophon ist Strom" oder "im Mikrophon ist Wasser". [25] Auf der Ebene der sprachlichen Äußerung ist die Richtigkeit oder Falschheit solcher Aussagen irrelevant. Stattdessen läuft beim Hören solcher Sätze ein spontaner Vergleich mit dem gespeicherten Wissen ab, mit den gespeicherten Erfahrungen. Es geht hier vor allem um ein Wissen, das auch andere teilen, das so weitgehend akzeptiert ist, daß es sogar Eingang in Lehrbücher der Physik fand. Und aufgrund dessen erfolgt dann die Beurteilung: "Der eine Satz ist falsch, der andere richtig". Aber auch in all dem kann ich zunächst nur geistig-sprachliche Operationen erkennen, keine Brücke aus der Sprache heraus zur Realität. [26]

3.6 Noch komplexer verläuft die Wahrheitsprüfung, wenn wir geistige Modelle und Hypothesen zur Anwendung bringen. Die Parallelschaltung meiner Kopfwelt mit der äußeren Wirklichkeit nimmt sehr häufig komplexe Formen an. Wenn z.B. ein Detektiv einen Toten vorfindet, Fußabdrücke auf dem Teppich. Wenn der Teppichflor zwei Stunden nach der Tat in 45 % Neigung steht, so würde Sherlock Holmes wohl daraus folgern, daß der Täter 1,70 m groß ist, 75 kg schwer und blond. Eine geistig-sprachliche Hypothese in der Kopfwelt des Detektivs. Nichts anderes bei den Naturwissenschaften: Die Sonne dreht sich um die Erde. Nachdem sich gezeigt hat, daß einige wahrgenommene Fakten nicht in das geistige Modell integriert werden können, versucht man das ganze Modell umzudrehen: Die Erde dreht sich um die Sonne. Auch das eine rein geistig-sprachliche Operation. Der äußeren Wirklichkeit sind solche geistigen Umkehrungen, die doch eine geistige Revolution bedeuten, völlig gleichgültig. Setzt sich das Licht aus Partikeln oder aus Wellen zusammen? Für beides gibt es Beweise. Also scheint beides zu stimmen. Da aber nach dem Satz der Identität etwas nicht zugleich auch sein Gegenteil sein kann, muß ein anderer Aspekt relativiert werden. Da bleibt nur die Betrachterperspektive. Man kann also von der Hypothese ausgehen, ob denn vielleicht von ihr abhängt, ob das Licht sich als Partikel oder als Welle zeigt. Damit kommen wir in den Bereich der Relativitätstheorie, der Quantenmechanik. Auch dies sprachlich-geistige Operationen, zu Anfang unseres Jahrhunderts ein intellektueller Streit unter Physikern. Dem Licht der Außenwelt ist dieses sprachliche Ringen gleichgültig.

Differenzierte geistige Modelle können also - zumindest annäherungsweise - beanspruchen, der äußeren Wirklichkeit gerecht zu werden. Trifft dies zu, geht ein Modell nicht völlig in die Irre, so wird dann der Mörder tatsächlich gefangen, bzw. die weitere Erforschung der Planeten erschlossen, bzw. Atomphysik wird möglich.

4. "Was ist Wahrheit?"

4.1 Nochmals: Es geht nicht um philosophisch-dogmatische Definitionsfragen. Diese bleiben hier ausgeklammert. Stattdessen ist die Frage, was Sprache leisten kann und was nicht. So gesehen erscheint mir das Wort "Wahrheit" ein defizitäres Plakat zu sein. Es ist das Gegenteil von einem differenzierten geistigen Modell, wie es unter Ziff.3 skizziert wurde. Zur Problemlösung taugen derartige Modelle. Wort und Begriff "Wahrheit" dagegen lassen keine Differenzierung erkennen. Stattdessen - morphologisch betrachtet - ist "Wahrheit" ein Substantiv. Durch diese Wortform wird der sprachlich vermittelte Eindruck erweckt, es handle sich um etwas Substanz-haltiges, um ein Ding oder Objekt, etwas Sicheres, weil Identifizierbares. Diesen Eindruck vermitteln eben Substantive generell. Hier müssen wir aber sofort korrigieren (und nicht immer wird dies in Argumentationen getan), daß natürlich "Wahrheit" kein Objekt sei. Folglich bleibt der konnotierte Anschein von Sicherheit ein Anschein. Sprachkritisches Bewußtsein wird sich davon nicht beeindrucken lassen. - Ein drittes Defizit: Der Begriff "Wahrheit" ist ein rein formaler Begriff. Er ruft nach weiteren Informationen, die er selbst nicht bietet. Zumindest ist zu fragen nach der Wahrheit wessen, wovon? Nur von "Wahrheit" zu reden, ist eine Verkürzung. - Wir sahen, daß der Begriff "Wahrheit" entgegen dem grammatikalisch erweckten Eindruck kein Ding ist. Stattdessen handelt es sich um eine Abstraktion dritten Grades. Ab-straktion, d.h. daß Informationen "ab-gezogen" wurden, die zum Verständnis des Wortes wichtig wären. Folglich ist es ein leichtes, solche Abstraktionen rückgängig zu machen. Man braucht sie sprachlich nur in die dazugehörige Prädikation zurückzuverwandeln. Und in unserem Fall heißt die dazugehörige Prädikation: "X hält Y für wahr". Daß wir das Y nicht haben (= "Wahrheit wovon?"), wurde schon festgestellt. Bei dieser Rückverwandlung kommt nun aber auch das X in den Blick, das Subjekt, das für-wahr-hält. Nun ist also "Wahrheit" plötzlich keine subjektlose Entität mehr. Die Sichtbarmachung der Implikationen [27] bringt das einschätzende, denkende Subjekt wieder in den Blick. [28] Bei einem Satz wie: "Die Wahrheit wird euch frei machen" müßte also - damit er verstanden werden kann - präzisiert werden: "Wessen Wahrheit worüber wird euch ..., wessen Ansicht, wessen Urteil, wessen Einstellung zu welchem Sachverhalt ...".

4.2 Wenn aber das Wort "Wahrheit" im Sprachgebrauch solche Defizite mit sich schleppt, warum wird es dann doch verwendet? Mir scheint, daß der Grund in dem erwähnten Anschein einer subjektlosen Objektivität liegt. Die substantivische Verwendung vermittelt Sicherheit. Sie verschleiert den subjektgebundenen Wahrnehmungsakt. [29] Der konnotierte Eindruck, es handle sich um ein abgeschlossenes Objekt, [30] vermittelt auch den Eindruck, es sei von der "vollen, ganzen Wahrheit" die Rede. Die Leerstelle beim Objekt (was wird wahrgenommen?) und der hohe Abstraktionsgrad verleiten, spontan alles hier unterzubringen, also genau dem zu erliegen, was oben schon (vgl. Ziff. 1.3.3) als sprachlicher Omnipotenzwahn beschrieben wurde. [31] Wie gesagt, das sind Effekte, die der Sprachgebrauch mit sich bringt, Effekte, die nicht speziell am Wort "Wahrheit" entwickelt wurden, die vielmehr basieren auf der Beobachtung unseres alltäglichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauchs (vgl. die Theorie von den "Pragmatischen Wortarten"). Diese Effekte können natürlich vermieden werden, indem reflex darauf Bezug genommen wird. Nur geschieht das - meinem Eindruck nach - nicht allzu häufig. Wortart und Sprachgebrauch verführen also den, der nicht darüber reflektiert, zur referentiellen Wahrheitsdefinition, die wir oben als nicht haltbar dargestellt haben. Stattdessen muß ein bewußter Umgang mit diesem Wort hervorheben, daß die sprachtheoretische Reflexion sich nur verträgt mit einem Wahrheitsverständnis, das die Sprachgemeinschaft ebenso berücksichtigt wie den Charakter der immer nur fragmentarisch möglichen Erkenntnis. Einzig ein Konzept, wie es Habermas entworfen hat, ist mit diesen Faktoren kompatibel, also ein Ringen von mehreren Subjekten um eine Thematik, frei von versteckten Nebenabsichten, im sogenannten "herrschaftsfreien Dialog".

4.3 Nun mag einer einwenden: Wer sich des Wortes "Wahrheit" bedient, der ist ja gerade nicht an Herrschaft, sondern an Wissen und Erkenntnis interessiert. "Wahrheit" ist - wie wir sahen - ein epistemologischer Begriff. [32] Wer somit nur an Wahrheit interessiert ist, will gar nicht nach außen in großem Umfang handeln, schon gar nicht negativ gegen andere. Insofern ist das Stichwort "Wahrheit" mit - dem ersten Anschein nach - sympathischen Implikationen behaftet. Bei näherem Zusehen sieht das jedoch anders aus: "Jeder, der etwas wissen möchte, möchte es wissen, um etwas zu tun. Behauptet er, er möchte es nur wissen, um 'zu wissen' und nicht, um 'zu tun', so bedeutet das, daß er es wissen möchte, um nichts zu tun, und das ist in Wahrheit eine versteckte Art, etwas zu tun, nämlich die Welt so zu lassen, wie sie ist (und - wie er durch sein Verhalten zu erkennen gibt - seiner Meinung nach auch sein sollte)." [33] Somit entpuppt sich auch dieser "sanfte", scheinbar absichtslose Rekurs auf die "Wahrheit" als potentiell ausgesprochen gewalttätig, weil verdeckt-emphatisch gegen verändern-wollende Zeitgenossen gerichtet.

4.4 Ursprünglich auf die Literaturgeschichte bezogene Reflexionen [34] - entsprechend appliziert - besagen: Jede Äußerung ist eine Antwort auf eine Frage, auch wenn letztere unausgesprochen ist; zudem teilen Sprecher und Empfänger gemeinsame Wissensvoraussetzungen, die nicht problematisiert werden. Stellt nun ein Sprecher das Wort "Wahrheit" in seiner Äußerung heraus, problematisiert es also, so kann dies Reaktion auf die gemeinsame Wissensvoraussetzung sein, daß "Lüge" im Spiel ist. In der Alltagskommunikation spielt das Lexem "Wahrheit" keine große Rolle, da das Zusammenleben ohnehin verlangt, daß man sich in seinen Äußerungen möglichst realitätsgerecht verhält. Ohne diese selbstverständliche Grundvoraussetzung jeglicher Kommunikation [35] wäre ein äußeres und geistiges Zusammenleben nicht vorstellbar. Verwendet einer nun das Wort "Wahrheit", so problematisiert er etwas, was eigentlich selbstverständlich ist. Explizit von "Wahrheit" zu reden, muß somit durch irgendwelche Erfahrungen, dem Wissen um Verdächtigungen, Infragestellungen, veranlaßt, erzwungen sein. Das zeigt einerseits - von einer anderen Seite her -, daß das Wort "Wahrheit" genuin ein Kampfbegriff ist. Mehr psychologisch, auf die Opposition: bewußt vs. unbewußt anspielend, kann die Verwendung des Wortes auch so motiviert sein: Man gebraucht das Lexem "Wahrheit", weil man unbewußt weiß, daß man in Unwahrheit verstrickt ist. Davon aber soll - emphatisch - abgelenkt werden. Die Beteuerung der Wahrheit hat schließlich eine lange Tradition in der Lügenliteratur. Man sollte bei Verwendung des Wortes also zumindest die Gefahr sehen, daß die Rezipienten es instinktiv so verstehen, daß nun besonders große Lügen folgen. - Wenn das Wort jedoch besagen soll, daß "neue", "tiefere", bislang nicht-gekannte Wahrheiten zu erwarten sind, dann ist dafür Sorge zu tragen, daß durch entsprechende Erläuterung dieses zweite Verständnis sichergestellt und das erste umgangen wird. Aus sich heraus leistet das Wort "Wahrheit" dieses zweite Verständnis nicht.

4.5 Sind also Bedingungen des "herrschaftsfreien Dialogs" nicht gegeben, so wird "Wahrheit" sehr schnell zum rein polemischen Begriff. Er lebt ja - so wie alles in der Sprache von der Differenz lebt - von der Opposition, d.h. der Begriff "Wahrheit" hat nur Sinn, wenn irgendwo "Unwahrheit" vermutet wird. [36] In dem skizzierten Globalsinn kann "Wahrheit" zu einer aktuellen Problemlösung nichts beitragen. Dafür ist der Begriff - wie erkannt - viel zu leer. In einem solchen Verständnis paßt dann der Begriff auch vorzüglich in den Kontext von Herrschaftsausübung (im direkten Gegensatz zum Verständnis von Habermas). Die Subjektgebundenheit jeder Erkenntnis (und sei dieses Subjekt - kirchlich gesprochen - ein ganzes Konzil) wird verschleiert, der Fragmentcharakter jeglicher Erkenntnis wird in dieser Verwendung verschleiert. Und schließlich werden "Kopfwelt" und außersprachliche Wirklichkeit zusammengesehen. Man redet in solcher Verwendung nicht mehr von der Möglichkeit, daß meine Kopfwelt, meine Sprache, meine Sprachregelungen möglicherweise an der außersprachlichen Wirklichkeit vorbeigehen könnten. Vielmehr ist es genau das Wesenselement in jedem Herrschaftssystem, daß behauptet wird, die eigene Sprache/Sprachregelung treffe genau die Wirklichkeit. Wer dagegen auf der Differenz besteht, auf eigenen, abweichenden Formulierungen, eigenen Erfahrungen und Einsichten, findet sich sehr schnell in der Rolle des Systemkritikers, des Ausgestoßenen wieder. [37]

Angesichts solcher möglicher Formen von Mißbrauch des Wortes "Wahrheit" ist es ständig unsere Aufgabe, unsere Subjektivität positiv zu akzeptieren [38] und ebenso, daß Wirklichkeit und sprachlich gefaßte Meinung nie zusammenfallen. "Wahrheit" ist folglich kein Objekt, das der eine besitzt, der andere nicht. Da Wahrheit auf allen Seiten fragmentarisch ist, ist der einzige Weg weiterzukommen der repressionsfreie Dialog. Gerade in der Kirche eine oft utopische Hoffnung. Aber ich will diese Hoffnung verstärken und nicht etwa beiseiteräumen.

Genau das ist auch mein Wunsch an den neuen Bischof: Er möge seinen Wahlspruch ("Veritatem in caritate") so interpretieren, daß die caritas dominiert. Tut sie das, dann ist die veritas nicht suspendiert. Nur in einem isolierten, kalten Sinn ist sie überflüssig. Durch die caritas kann aber die veritas eine neue Qualität bekommen, eine jesuanische Menschenfreundlichkeit. [39] Wer solches erkannt hat, - ich komme auf die Einleitung zurück - kann nicht "Demut" und "Wahrheitsbesitz" gegeneinander ausspielen.




1. Ergänzend kann man beobachten, "wie in großen Werken der Dichtung die Spannungen kultiviert werden zwischen der eigenen Unfähigkeit, das 'unergründlich Vieldeutige' der eigenen Person zu erschließen, aber auch der 'Angst..., restlos verstanden zu werden,' und der Bereitschaft, der fortwährend gegenwärtigen Wirksamkeit der Wahrheit im Unbestimmten, selbst in Betrug und Lüge zu folgen", WELKER,M, Wahrheit in: H.P. Müller (ed.), Was ist Wahrheit? Stuttgart 1989. S.106.

2. "Die Kontinuität der Geschichte ist durch die Wirkmacht der menschlichen Natur, die notwendig allgemein verbindliche Momente in sich schließt, gewährleistet. Jede andere Betrachtungsweise kommt, wenn sie sich selbst ernst nimmt, zu einer Atomisierung des Lebens", MÖLLER, J, Geschichtlichkeit und Ungeschichtlichkeit der Wahrheit. In: Kath.-theol. Fakultät an der Universität Tübingen (Hrsg.), Theologie im Wandel (Festschrift), München 1967, S.15-40. - "Atomisierung" klingt pejorativ; ob eine "Kontinuität", die erst mit Hilfe einer hypostasierten Theorie sichtbar wird, dem Menschen aus Fleisch und Blut gerecht werden kann?

3. Vgl. SCHWEIZER, H, Metaphorische Grammatik. Wege zur Integration von Grammatik und Textinterpretation in der Exegese. ATS 15. St.Ottilien 1981. S.224ff; ders. Biblische Texte verstehen. Arbeitsbuch zur Hermeneutik und Methodik der Bibelinterpretation. Stuttgart 1986. S.90ff zum Thema "Pragmatische Wortarten"

4. Daher eignen sich Wörter dieser Abstraktionsebene bestens für pathetische Rede.

5. Was die Wörter dieser Abstraktionsebene bezeichnen (=ihr Begriff), beansprucht uneingegrenzte All-Gültigkeit.

6. "What else is knowledge but naming things and then talking about the names?", FRAWLEY,W, Text and Epistemology. Norwood 1987. S.XI.

7. Vgl. die Beispiele zur "Segmentierung des semantischen Feldes" bei ECO, U, Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen. Supplemente 5. München 1987. S.113ff, mit denen E. erläutert, daß die Art, wie sich eine Gemeinschaft sprachlich zur äußeren Wirklichkeit verhält, immer durch kulturelle Bedingungen und "kulturelle Einheiten" bestimmt ist. Nie kann eine direkte Verbindung: Sprache => außersprachlicher Sachverhalt unterstellt werden. Vgl. auch MACKENSEN, L, Verführung durch Sprache. Manipulation als Versuchung. München 1973. S.26.

8. ECO 40: "Der erste Arzt, der eine Art von konstantem Zusammenhang zwischen einer bestimmten Art roter Flecken auf dem Gesicht des Patienten und einer Krankheit (Masern) entdeckte, zog einen Schluß: Ist dieser Zusammenhang aber konventionell bestimmt und in medizinischen Werken als solcher registriert, so ist auch eine semiotische Konvention gesetzt worden. Ein Zeichen liegt immer dann vor, wenn eine menschliche Gruppe beschließt, etwas als Vehikel von etwas anderem zu benutzen und anzuerkennen."

9. Vgl. in ThQ 169 (III/1989) die Beiträge von S.J.SCHMIDT und L.PANIER.

10. H. GIPPER, Wahrheit als Sprachproblem, in: MÜLLER (1989) S.68-88, hier: 73. Demzufolge arbeitet G. heraus, daß Wort-für-Wort-Übertragungen unmöglich sind. Vielmehr kann es sich beim Übersetzen "nur um ein Transformieren, um ein Transponieren aus einer Weltsicht in eine andere handeln" (72). - Dem müßte allerdings weiter nachgegangen werden. Denn (a) kann es nicht darum gehen, jegliche freie Paraphrase als angemessene Übersetzung anzuerkennen; (b) kann oft ein hoher Prozentsatz tatsächlich und mit gutem Verstehen Wort für Wort übertragen werden (gutes Verstehen wegen stimmiger, nachvollziehbarer Bildhaftigkeit, bei lediglich in der eigenen Sprachgemeinschaft unüblichem Gebrauch dieser Ausdrucksweise).

11. Die Relativierung rührt daher, daß mit einem solchen Ist-Satz unsere Aussagemöglichkeiten überfordert sind, vgl. auch oben Ziff.1.3.3.

12. Vgl. ECO: "Die Untersuchung der semantischen Felder zeigt indessen, daß es (wenn man zum Beispiel von einer 'Sprache' als einem Code spricht) erforderlich ist, eine große Zahl partieller Inhalts-Systeme (oder Felder) zu betrachten, die in unterschiedlicher Weise mit den Ausdruckseinheiten korreliert sind." (178f); "Es muß deshalb ein methodologisches Prinzip der semantischen Forschung bestehen, demzufolge in fast allen Fällen die Beschreibung von semantischen Feldern und Achsen nur dadurch zu erreichen ist, daß man die Kommunikationsbedingungen für eine bestimmte Botschaft untersucht."(183).

13. Vgl. BUßMANN,H, Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 1983: "Referenz. (1) Bezugnahme auf innersprachlichen und außersprachlichen Kontext durch sprachliche Mittel. (2) In der traditionellen Semantik Beziehung zwischen dem sprachlichen Ausdruck (Name, Wort) und dem Gegenstand der außersprachlichen Realität, auf den sich der Ausdruck bezieht"(428).

14. W. BRUGGER, Philosophisches Wörterbuch. Freiburg 11.Aufl. 1964, 369.

15. Ich klammere aus, daß ja auch bei dieser Aktion meine Kopfwelt in ihrem Erkenntnis- und Sprachvermögen ganz wesentlich gefordert ist. Letztlich kann eben ein in Frage stehendes Zeichen nur durch andere Zeichen erläutert werden, = nie abzuschließender Prozeß der Semiose.

16. Stattdessen: "Wörter der höheren Abstraktionsebenen klingen so gut; sie können Werktagsüberdruß vertreiben; man nutzt sie für sich gern als seelisches Alibi", MACKENSEN, L (1973) 28.

17. Eine solche Einstellung kennzeichnet jeglichen Fundamentalismus. FITZMYER,JA, Die Wahrheit der Evangelien. SBS 1. Stuttgart 1965. S.26, hebt hervor, daß die "Instructio de historica Evangeliorum veritate" vom 21. April 1964 in Abschnitt X dadurch eine nicht-fundamentalistische Position bezieht, daß die biblische Überlieferung nicht als bloße Weitergabe verstanden wird sondern als - je Überlieferungsphase - je neue Verkündigung (die es folglich differenziert und exegetisch aufwendig zu erheben gelte). Semiotisch (=antifundamentalistisch) gesprochen liegt darin nicht nur der Verweis auf die jeweilige Glaubens=Sprachgemeinschaft sondern auch das Wissen um die Veränderbarkeit des Inhalts der Sprachzeichen - je nach sozio-kulturellem Kontext.

18. "Eine Zeichen-Funktion liegt immer dann vor, wenn es eine Möglichkeit zum Lügen gibt: das heißt, wenn man etwas signifizieren (und dann kommunizieren kann), dem kein realer Sachverhalt entspricht. Eine Theorie der Codes muß alles untersuchen, was man zum Lügen verwenden kann. Die Möglichkeit zum Lügen ist für die Semiose das proprium, so wie für die Scholastiker die Fähigkeit zum Lachen das proprium des Menschen als eines animal rationale war." ECO 89.

19. Dagegen liest sich z.B. S.27 bei MÖLLER ganz individualistisch ("der Mensch denkt und plant in die Zukunft hinein, der Mensch blickt in die Vergangenheit zurück, der Mensch ist kulturschöpferisch, der Mensch ist ein sprechendes Wesen"). Selbst wenn man den Scheinsingular generisch versteht, so ist immer noch nicht der Gedanke der Interaktion dieser Subjekte, der hierbei erst sich bildenden Sprachwelt, ausgedrückt.

20. ECO 91: "Doch vom Standpunkt des Funktionierens eines Codes (oder mehrerer Codes) aus muß der Referent (=außersprachlicher Sachverhalt, H.S.) als gefährlicher Eindringling ausgeschlossen werden, der die theoretische Reinheit der Theorie kompromittiert... (Es ist) daran festzuhalten, daß ein Ausdruck grundsätzlich keinen Gegenstand signifiziert, sondern vielmehr stets eine kulturelle Einheit übermittelt". - Das diametral entgegengesetzte Konzept einer Seinsunmittelbarkeit bei MÖLLER 32: "Wenn Wahrheit als Urteilswahrheit, als adaequatio intellectus et rei, überhaupt möglich sein soll, dann muß das Seiende, auf das unser Denken in der Aussage bezogen ist, zu uns hereinstehen. Damit aber das Seiende in der Aussage hereinstehen kann, muß der Mensch in seinem Verstehen das hereinstehende Seiende bereits grundsätzlich übergriffen haben."

21. "Um die Geschichte der christlichen Theologie zu verstehen, muß man nicht wissen, ob dem Wort /Transsubstantiation/ ein spezifisches faktisches Phänomen entspricht (auch wenn für viele Menschen dieser Glaube von vitaler Bedeutung war). Aber man muß wissen, welche kulturelle Einheit ... dem Inhalt dieses Wortes korrespondierte...Die Tatsache, daß /Transsubstantiation/ für viele Menschen einem Ereignis oder Ding entsprach, läßt sich semiotisch dadurch erfassen, daß man sagt, dieses Ereignis oder Ding sei durch kulturelle Einheiten erklärbar gewesen. Sonst hätte es nämlich nie so etwas wie eine theologische Diskussion geben können, und die Gläubigen hätten weiter die Heilige Kommunion empfangen, ohne über die Menschen nachzudenken, die nicht daran glaubten. Vielmehr war es nötig, eine Welt zu konzipieren, die so aufgebaut war, daß eine kulturelle Einheit, die dieser /Transsubstantiation/ korrespondierte, einen Platz in ihr finden, das heißt ein präzise segmentiertes Stück des Inhalts eines bestimmten kulturellen Hintergrundes sein konnte." ECO 93.

22. Vgl. das HJELSMLEV folgende hilfreiche Schema bei ECO 83.

23. ECO 272, vgl. 276f.

24. Vgl. WELKER,M in: MÜLLER (1989): "Pragmatisch helfen sich kompliziert und unübersichtlich gewordene Kulturen heute im schwieriger werdenden Umgang mit dem scheinbar so einfachen 'Die-Wahrheit-Sagen' dadurch, daß sie die Formen individuellen Erlebens durch ein vielfältig standardisiertes Erziehungssystem hindurch kanalisieren und die erworbenen typischen Einstellungen zur Realität mit Hilfe der Massenmedienkommunikation täglich verstärken bzw. an ihnen nachbessern. Sie helfen sich gegenüber den konkreten Einzelfällen des trivialen Wahrheitsbedarfs mit einer überschwenglichen Vertrauensbereitschaft, einem enormen Kreditsystem der Wahrheit. Sie helfen sich schließlich mit hoher Privilegierung - oft in Form diffuser Hochachtung - der Personen und Institutionen, die die Pflege, Überprüfung und Korrektur der individuellen Bereitschaft und Fähigkeit, die Wahrheit zu sagen, übernommen haben" (102).

25. "Der Code (=die Sprache, H.S.) hindert uns nicht, einen Satz zu verstehen, der allgemein für falsch gehalten wird. Er gestattet uns, ihn zu verstehen und zu verstehen, daß er 'kulturell' falsch ist(95)...Man lacht, weil man das Signifikat des Satzes versteht, obwohl man erkennt, daß die Situation unwahrscheinlich ist." ECO 96.

26. Dieser Unterschied scheint mir in ontologischer Diktion - vgl. MÖLLER 26 - verwischt zu werden.

27. Zum methodischen Ort dieses Schritts vgl. SCHWEIZER (1986) 110f.

28. Während in unserer Sicht dem der Sprachgemeinschaft angehörenden Subjekt eine entscheidende Rolle zukommt, wird in ontologischer Sicht "die Wahrheit" in hypostasierter Form selbst aktiv: "Der innere Bezug von solcher Freiheit zum Seienden als Seienden und damit zum Sein schlechthin läßt das Offenwerden von Sein als die ursprüngliche Weise der Wahrheit erscheinen, die sich im Menschen kundtut." MÖLLER 25.

29. Vgl. WELKER: MÜLLER (1989) 103: "Die Wendung 'Wahrheit ist Anverwandlung der Realität an das Menschgemäße, Assimilation der Umwelt zur menschlichen Eigenwelt' (H.-P. Müller) variiert die klassische Bestimmung, Wahrheit sei 'adaequatio rei et intellectus', sie sei 'Anpassung von Sache und Vernunft'. Sie hebt Beschränkungen des Denkens und der Vorstellungskraft auf, die mit der klassischen Bestimmung verbunden waren und die viele enge, unzureichende und schiefe Auffassungen von 'Wahrheit' mit sich brachten. Dabei handelt es sich vor allem um die unzureichende Vorstellung, 'Wahrheit' sei angemessen zu erfassen und zu beschreiben im Blick auf die Vermittlung zweier Ebenen, nämlich einer außermentalen Gegenständlichkeit und des menschlichen Denkvermögens oder, noch irreführender, der 'objektiven Gegenstände' und des 'subjektiven menschlichen Denkens'." Es geht darum, "daß wir in vielfältiger Weise unsere Erlebens- und Erkenntnisweisen beständig aufeinander abstimmen und gegeneinander differenzieren" (105).

30. Oder noch mehr verfremdet - in philosophischer Poesie - als personifizierte Größe (Anleihe bei der ägyptischen Göttin MAAT?): "In der Geschichtlichkeit des sich eröffnenden Seins zeigt sich uns die Lichtung und Verbergung der absoluten Wahrheit, die uns geschichtlich begegnet." MÖLLER 34f.

31. "Übrigens: auch das Wort Wahrheit segelt heute genauso wie Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Treue, Ehre und viele andere unter der Quarantäneflagge, diese Begriffe sind samt und sonders verseucht - von Ideologie, Pragmatismus und Zwecklügen aller Art." (Stefan Andres), zitiert bei: WEINRICH,H, Linguistik der Lüge. Kann Sprache die Gedanken verbergen? Heidelberg 1974. S.35.

32. Vgl. SCHWEIZER (1986) 59f: EPISTEMOLOGIE als wohl wichtigster Teilbereich im Rahmen der CODES/MODALITÄTEN, also der verschiedenen inneren Reaktionsmöglichkeiten des Menschen.

33. ECO 55f.

34. Von WEINRICH,H ( 1974) bes. 74.

35. Vgl. den Verweis auf die "maxims of conversation" nach GRICE bei SCHWEIZER (1986) 81, speziell das "Qualitäts-Prinzip".

36. Das ist ein genauso globaler sprachlicher Dualismus wie im Fall von "Negationen": Je wird die Welt in zwei Kategorien geteilt und zugleich bewertet. Darin liegt auch je mehr als nur eine intellektuelle Aussage; stattdessen liegen darin massive Appelle zur Solidarisierung, Handlungsaufforderungen und Warnungen. Vgl. SCHWEIZER (1986) 16-18.

37. Vgl. SCHWEIZER,H "Anmerkungen zur Sprachverwendung in der Kirche": ThQ 166 (1986) 209-223 mit dem Hinweis auf ein Beispiel aus der DDR (210).

38. Immerhin lädt das Grundbekenntnis der Inkarnation dazu ein. Mit diesem Ausblick schließt MÖLLER 40 auch seinen Beitrag.

39. Mit unseren Reflexionen haben wir - nur in anderem, linguistischem Sprachspiel - eine Interpretation des Deuteropaulus (Eph 4,15) durch Paulus (1 Kor 13,8f) vollzogen: "Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden." - Es liegt also ein Beispiel dafür vor, daß inhaltliche Übereinstimmung (="Wahrheit" im kommunikativen Sinn) auch ohne vorfixierte äußere Sprachregelung möglich ist.